Von der Aushilfskraft zur Führungskraft: Jacquelines Geschichte
Am 15. Oktober ist der Internationale Tag der Frauen in ländlichen Gebieten. Jacqueline Chepsergon arbeitet auf einer FAIRTRADE-zertifizierten Blumenfarm in Kenia. Sie erzählt, wie sich die Chancen für Frauen in der Blumenbranche verändert haben und welche Rolle FAIRTRADE dabei spielt.
1999 beginnt Jacqueline Chepsergon als Aushilfskraft in der kenianischen Blumenbranche. Heute arbeitet sie in der Marketingabteilung von Maji Mazuri Flowers. Dazwischen liegen mehr als 25 Jahre Berufserfahrung und zahlreiche verantwortungsvolle Aufgaben. Auch Weiterbildungen wie die FAIRTRADE Women’s School of Leadership prägen ihren Weg. Im Interview spricht Jacqueline über ihre Erfahrungen, die Bedeutung gegenseitiger Unterstützung und darüber, welche Herausforderungen für Frauen weiterhin bestehen.
Von der Aushilfskraft zur Führungskraft
Jacqueline, wie hat deine Karriere in der Blumenbranche begonnen?
Ich habe 1999 bei Equator Flowers Sian als Aushilfskraft angefangen. Nach sechs Monaten wurde ich fest angestellt. Anschließend arbeitete ich ein Jahr lang in der Blumenernte, bevor ich zur „Scouterin“ befördert wurde. In dieser Position war ich dafür verantwortlich, Schädlinge und Pflanzenkrankheiten zu erkennen und zu melden.
Später wurde ich zur stellvertretenden Teamleiterin und schließlich zur Supervisorin befördert. Im Jahr 2002 wurde Maji Mazuri Flowers gegründet. Ich wechselte als Supervisorin dorthin, um beim Aufbau der Farm mitzuarbeiten. Anfangs war ich für sechs Gewächshäuser verantwortlich. Mit dem Wachstum der Farm stieg diese Zahl auf acht und schließlich auf 14.
Von 2017 bis 2021 betreute ich 28 Gewächshäuser. Im Jahr 2021 wechselte ich in die Marketingabteilung, wo ich bis heute arbeite.
2026 ist das Internationale Jahr der Bäuerinnen. Was hat sich für Frauen in der Blumenbranche verändert?
Heute als Frau in der Blumenbranche zu arbeiten, bedeutet mir sehr viel. Es ist großartig zu sehen, dass Frauen heute durch Wissen und neue Entwicklungsmöglichkeiten unterstützt werden.
Bei Maji Mazuri Flowers kennen wir unsere Rechte. Das Bewusstsein für Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit ist gewachsen. Wir haben außerdem mehr über Finanzen und den Umgang mit Geld gelernt. Wir wissen, wie man ein Budget erstellt und sich neben dem Gehalt zusätzliche Einkommensquellen aufbaut.
Heute können wir uns auf Führungspositionen bewerben, sobald sich Möglichkeiten ergeben. Früher haben kulturelle und gesellschaftliche Normen Frauen daran gehindert, solche Positionen zu übernehmen. Selbst wenn sie es versuchten, waren sie häufig mit Diskriminierung konfrontiert.
Heute haben Frauen bessere Chancen auf eine Anstellung und übernehmen bei Maji Mazuri Flowers auch Aufsichts- und andere Führungspositionen.
Gemeinsam neue Perspektiven schaffen
Wie unterstützt ihr euch auf der Farm gegenseitig?
Wir unterstützen uns, indem wir das Bewusstsein für unser Potential stärken. Wir ermutigen Frauen, sich einzubringen und Führungsaufgaben zu übernehmen. Außerdem tauschen wir Wissen über Finanzen, Budgetplanung und Möglichkeiten aus, zusätzliches Einkommen zu verdienen.
Einige von uns haben Spargruppen gegründet oder sind ihnen beigetreten. Diese Gruppen heißen Chamas und haben Frauen dabei geholfen, mehr finanzielle Sicherheit zu gewinnen.
Über unsere Personalabteilung organisieren wir auch Angebote wie Krebsvorsorgeuntersuchungen. Frauen werden ermutigt, für ihre Interessen einzutreten, sich auf Stellen zu bewerben und neue Möglichkeiten zu nutzen.
Auf unserer Farm verkaufen zum Beispiel einige Frauen Mandazi, ein frittiertes Gebäck, an andere Beschäftigte. Wir alle suchen nach unterschiedlichen Wegen, um zusätzliches Einkommen für uns und unsere Familien zu verdienen.
Was müsste sich für Frauen in der Blumenbranche noch verbessern?
Ich denke, wir brauchen noch mehr Schulungen zu Finanzthemen, insbesondere zu Budgetplanung und Sparen. Da Frauen weiterhin vor vielen Herausforderungen stehen, brauchen wir auch mehr Schulungen, die unsere Widerstandsfähigkeit stärken.
Außerdem sollte es mehr Unterstützung für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen geben. Dazu gehören Hygiene, reproduktive Gesundheit und ein gesundes Arbeitsumfeld. Beratung und andere Unterstützungsangebote sind ebenso wichtig.
Für mich ist es entscheidend, Frauen zu stärken. Wenn eine Frau gestärkt wird, stärkt das auch ihre Familie. Eine gestärkte Familie stärkt die Gemeinschaft, das Land und letztlich die ganze Welt.
Das hängt mit den unterschiedlichen Aufgaben zusammen, die Frauen in ihren Familien, Gemeinschaften und der Gesellschaft übernehmen. Je mehr Wissen und Unterstützung Frauen erhalten, desto mehr können sie in diesen Bereichen beitragen.
„Die Kraft von FAIRTRADE ist beeindruckend“
Was bedeutet FAIRTRADE für dich persönlich?
Am meisten schätze ich, dass ich persönlich von FAIRTRADE-Projekten profitiert habe. Durch das Blooming-Flowers-Projekt konnte ich neue Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben. Ich bin außerdem stolze Absolventin der Women’s School of Leadership.
Teil des FAIRTRADE-Systems zu sein, bedeutet mir viel, weil es wichtige Veränderungen für Frauen auf unserer Farm mit sich gebracht hat. Heute arbeiten viele Frauen bei uns, auch in Führungspositionen. Sie kennen ihre Rechte und haben mehr Selbstvertrauen, um für sich selbst einzutreten.
Auch durch die FAIRTRADE-Prämie profitieren die Beschäftigten. Wir haben Zugang zu zinsgünstigen Darlehen und erhalten finanzielle Unterstützung für kürzere Ausbildungen und Weiterbildungen. Frauen können beispielsweise eine Ausbildung im Schneider- oder Friseurhandwerk absolvieren. Frauen und Männer können außerdem eine Fahrausbildung machen.
Beschäftigte erhalten auch Unterstützung bei den Ausbildungskosten ihrer Kinder, von der Sekundarstufe bis zum Studium an einer Hochschule oder Universität.
Diese Vorteile reichen über die Farm hinaus. Durch FAIRTRADE wurden beispielsweise Klassenräume und Einrichtungen für Waisenkinder unterstützt. Wir pflanzen außerdem Bäume in unserer Gemeinschaft, bei uns zu Hause und auf der Farm.
Bei Maji Mazuri Flowers profitieren wir jedes Jahr von Projekten, die durch die FAIRTRADE-Prämie ermöglicht werden. Dazu gehören auch Düngemittel, zertifiziertes Saatgut und Jungpflanzen, die wir zu Hause verwenden können.
Die Kraft von FAIRTRADE ist beeindruckend. Es geht nicht nur um einzelne Beschäftigte. FAIRTRADE schafft auch Chancen für Frauen, unterstützt Familien und leistet einen Beitrag für die gesamte Gemeinschaft.
Die FAIRTRADE-Prämie wird zusätzlich zum Verkaufspreis bezahlt. Auf zertifizierten Blumenfarmen entscheiden gewählte Vertretungen der Beschäftigten gemeinsam mit dem Management nach den FAIRTRADE-Regeln über ihre Verwendung. So können zusätzliche Investitionen in Weiterbildung, Bildung und Gemeinschaftsprojekte ermöglicht werden.
Jacquelines Geschichte ist Teil einer ganzjährigen FAIRTRADE-Reihe zum Internationalen Jahr der Bäuer:innen 2026. Die Reihe stellt Frauen und ihre Erfahrungen in der Landwirtschaft in den Mittelpunkt und macht ihre Leistungen, Perspektiven und Herausforderungen sichtbar.