«Kaffee anzubauen ist wie ein Kind grosszuziehen»: Wie Frau Rizkani ihre Kaffeepflanzen und ihre Gemeinschaft umsorgt
Für Frau Rizkani ist die Arbeit auf einer Kaffeefarm wie das Grossziehen eines Kindes: Es braucht Liebe, Geduld und unermüdlichen Einsatz, um etwas wachsen zu sehen. Diese Überzeugung begleitet sie nicht nur bei ihrer Arbeit auf den Kaffeefeldern Indonesiens, sondern auch beim Aufbau einer Gemeinschaft von Frauen, die sich um ihre Kaffeepflanzen kümmern und füreinander da sind. Frau Rizkani ist Mitgründerin der Fairtrade-zertifizierten Koperasi Kopi Wanita Gayo (KOKOWAGAYO), der ersten Frauen-Kaffeekooperative Asiens mit 680 Mitgliedern.
Am heutigen Internationalen Tag des Kaffees feiert Fairtrade nicht nur das beliebte Getränk und das Engagement für einen fairen und gerechten Handel, sondern auch die Kaffeebäuer, deren Arbeit den Kaffeegenuss überhaupt erst möglich macht. 2026 ist zugleich das Internationale Jahr der Landwirtin. Aus diesem Anlass rückt Fairtrade Kaffeebäuerinnen aus verschiedenen Teilen der Welt wie Frau Rizkani in den Mittelpunkt.
Wie sind Sie zum Kaffeeanbau gekommen?
Ich wurde in eine Bauernfamilie hineingeboren. Mein Vater war Bauer, deshalb war ich von klein auf mit Kaffee und seiner Verarbeitung vertraut. Mein Vater kaufte auch Kaffee an. Kaffee gehörte also schon in meiner Kindheit zu meinem Alltag, und ich lernte früh, wie er verarbeitet wird. Meine Mutter war Händlerin und führte ein Geschäft. Vielleicht habe ich meinen Geschäftssinn von ihr.
Kaffee war schon immer ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Auch in unserer erweiterten Familie sind auf beiden Seiten alle in der Landwirtschaft tätig, darunter meine Cousins und mein Grossvater. Schon als ich klein war, nahmen mich meine Eltern oft mit auf die Farm. Jeden Freitag gingen wir dorthin, weil die Schule an diesem Tag früher zu Ende war. Dort lernte ich, wie Kaffee verarbeitet wird, und mit der Zeit wurde all das zu einem selbstverständlichen Teil meines Alltags.
2014 war ich dann an der Gründung von KOKOWAGAYO beteiligt, der ersten Fairtrade-zertifizierten Kaffeekooperative Indonesiens, die ausschliesslich von Frauen getragen wird. Zuvor hatte ich auch die Abläufe bei der 2009 gegründeten Kooperative Permata Gayo beobachtet. Dort stellten wir fest, dass zwar regelmässig Versammlungen stattfanden, die Rolle der Frauen jedoch häufig übersehen wurde. Dabei übernehmen Frauen einen sehr grossen Teil der landwirtschaftlichen Arbeit; fast 70% der Beteiligten sind Frauen. Deshalb setzten sich einige von uns zusammen, diskutierten darüber und begannen, über einen eigenen Raum speziell für Frauen nachzudenken. So entstand KOKOWAGAYO.
2026 ist das Internationale Jahr der Landwirtin. Was bedeutet es für Sie heute, als Frau in der Landwirtschaft tätig zu sein?
Für mich fühlt es sich an, als würde ich mich um meine eigenen Kinder kümmern, wenn ich meine Kaffeepflanzen pflege. Das habe ich von meinen Eltern gelernt. Sie sagten immer, dass man sich gut um den Kaffee kümmern müsse, damit er gute Erträge bringt und dazu beitragen kann, die Schulausbildung der Kinder zu finanzieren. Sich um Kaffee zu kümmern, ist also wie sich um ein Kind zu kümmern. Wenn die Pflanzen gut gepflegt werden, sind auch die Ergebnisse gut.
Daran habe ich mich bei meiner Arbeit in der Landwirtschaft immer gehalten. Wenn die Ernte gut ausfällt, ist das eine ganz besondere Freude. Die Arbeit als Bäuerin erfüllt mich, weil wir selbst bestimmen können, wie wir arbeiten. Wenn wir gute Ergebnisse erzielen wollen, müssen wir hart dafür arbeiten. Darauf kommt es an.
Was sind die grössten Herausforderungen im Kaffeeanbau?
Beim Kaffeeanbau gibt es viele körperlich anstrengende Arbeiten, etwa das Säubern der Felder oder die Verarbeitung des Kaffees durch Mahlen und Trocknen. Für Frauen können diese Arbeiten sehr anstrengend sein. Wenn uns die Zeit oder die Kraft fehlt, bezahlen wir manchmal andere Personen dafür, uns zu unterstützen. Während der Ernte ist es ähnlich: Dann bitten wir Nachbar, uns bei der Ernte auf der Farm zu unterstützen.
Die Herausforderung besteht jedoch nicht nur in der körperlichen Arbeit auf der Farm. Bäuerin und Mutter zu sein bedeutet auch, die eigene Zeit und Kraft zwischen den Kindern, dem Haushalt und der landwirtschaftlichen Arbeit aufzuteilen.
Darüber hinaus fällt es Frauen im Kaffeehandel häufig schwer, sich Vertrauen im Geschäftsumfeld aufzubauen, weil die meisten Beteiligten in der Lieferkette Männer sind. Viele Menschen zögern, mit Frauen Geschäfte zu machen. Eine weitere Herausforderung, die ich in meinem ersten Jahr im Kaffeehandel erlebte, bevor ich zu Fairtrade kam, waren verbale Belästigungen – sowohl persönlich als auch über Textnachrichten. Deshalb muss ich als Frau klare Grenzen setzen. Auf so etwas kann ich nicht einfach freundlich reagieren.
Wie unterstützen sich die Kaffeebäuerinnen gegenseitig?
Eine Stärke von KOKOWAGAYO besteht darin, dass unser Fokus über das Geschäftliche hinausgeht. Uns ist auch das Wohlergehen der Kaffeebäuerinnen wichtig, insbesondere ihre Gesundheit. So arbeiten wir beispielsweise mit dem öffentlichen Gesundheitssystem zusammen, um Untersuchungen zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs anzubieten – ein Thema, das noch immer häufig tabuisiert wird. Damit diese Untersuchungen leichter zugänglich sind, haben wir Gesundheitsfachpersonen direkt ins Dorf eingeladen, sodass die Untersuchungen vor Ort durchgeführt werden konnten.
Auch die Bedürfnisse der Kinder sind uns wichtig. Wenn Mütter auf der Farm arbeiten, wird dafür gesorgt, dass ihre Kinder in einer sicheren Umgebung betreut werden. So können die Frauen ihrer Arbeit mit einem guten Gefühl nachgehen. In Kooperativen, die von Männern geprägt sind, werden solche Aspekte häufig übersehen. Für uns sind sie jedoch zentral.
Bei Versammlungen erzählen die Mitglieder auch oft von persönlichen Schwierigkeiten. Manchmal wird bei einer Gesundheitsuntersuchung festgestellt, dass eine Frau ernsthaft erkrankt ist, sie erhält aber keine Unterstützung von ihrer Familie. In solchen Momenten öffnen sich die Frauen und erzählen von ihren Sorgen – manchmal unter Tränen. Solche Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig psychologische Unterstützung ist.
Deshalb hoffen wir, eines Tages gezielt psychologische Unterstützung anbieten zu können, auch wenn es ein solches Programm bisher noch nicht gibt. In jedem Haushalt haben die Menschen ihre eigenen Probleme. Wenn man alles für sich behält, wird die Belastung grösser. Findet man jedoch die richtige Person zum Reden, kann allein das Teilen der eigenen Sorgen die Last etwas leichter machen – selbst wenn sich nicht sofort eine Lösung findet.
Welche Verbesserungen würden Kaffeebäuerinnen dabei unterstützen, sich weiterzuentwickeln?
Beim Kaffeeanbau sind zwei Dinge besonders wichtig: Kompost und das Beschneiden der Pflanzen. Wenn wir uns gut darum kümmern, wird die Ernte, so Gott will, gut ausfallen.
Was wir deshalb vor allem brauchen, ist fundiertes Wissen über den Anbau: wie Kompost hergestellt und eingesetzt wird, wie wir die Pflanzen pflegen, gute Erträge erzielen und den Boden gesund und fruchtbar erhalten können. Mit wachsendem Wissen lernen wir immer wieder neue Methoden und Techniken kennen, mit denen wir unsere Arbeit und unsere Ernten verbessern können.
Was schätzen Sie am meisten daran, Teil des Fairtrade-Systems zu sein?
Für mich ist das Wertvollste daran, als Frauenkooperative Teil des Fairtrade-Systems zu sein, das Gemeinschaftsgefühl. Die Frauen, die sich uns anschliessen, werden Teil dieser Gemeinschaft. Dadurch erhalten sie Zugang zu Möglichkeiten, die sie anderswo vielleicht nicht hätten. Wir haben Weiterbildungen angeboten, beispielsweise kostenlose Nähkurse sowie Kurse dazu, wie man Finanzunterlagen führt und Ernteergebnisse dokumentiert. Diese Kenntnisse sind nicht nur für die Landwirtschaft nützlich, sondern auch für die Organisation des Haushalts und die Zukunftsplanung.
Genauso wichtig ist, dass die Frauen spüren, dass sie nicht allein sind. Es gibt immer jemanden, mit dem sie sich austauschen, von dem sie lernen und den sie unterstützen können. Die Vorteile gehen deshalb über Einkommen oder neue Fähigkeiten hinaus: Die Gemeinschaft schafft auch ein Gefühl der Zugehörigkeit und stärkt das Selbstvertrauen.