Neuer Fairtrade Textile Factory Standard: höhere Löhne und stärkere Mitbestimmung für Arbeiter:innen
Fairtrade hat seinen bisherigen Textilstandard grundlegend überarbeitet. Im Zentrum steht künftig die sogenannte Cut-Make-Trim-Phase – also das Zuschneiden, Nähen und Fertigstellen von Textilien – sowie ein neuer Mechanismus für höhere Löhne.
Der neue Fairtrade Textile Factory Standard ist am 1. September 2026 in Kraft getreten und gilt für die letzte Produktionsstufe der Textilherstellung. Dort arbeitet ein grosser Teil der Beschäftigten der Branche, weshalb Fairtrade die Anforderungen gezielt auf diesen Bereich konzentriert. Für vorgelagerte Produktionsschritte bleiben soziale Mindestanforderungen bestehen. Für Betriebe mit Nassprozessen wie Färbereien gelten zusätzliche Umweltanforderungen. Die Fairtrade-Zertifizierung von Baumwolle bleibt von der Neuausrichtung unberührt.
Gemeinsame Verantwortung für höhere Löhne
Ein Schwerpunkt des Standards ist die schrittweise Annäherung an existenzsichernde Löhne. Dabei tragen Fabriken und Markenunternehmen gemeinsam Verantwortung.
Zertifizierte Fabriken müssen allen Beschäftigten einen Grundlohn zahlen, der mindestens 55% des regionalen Living-Wage-Benchmarks oder mindestens 10% über dem gesetzlichen Mindestlohn liegt – je nachdem, welcher Wert höher ist.
Zusätzlich zahlen Markenunternehmen für Fairtrade-Aufträge ein Living-Wage-Differential. Der Zuschlag wird pro Kleidungsstück berechnet und anteilig an die Beschäftigten ausgezahlt.
«Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Fabriken. Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten. Nur wenn alle Akteure entlang der Lieferkette zusammenarbeiten, können wir die Arbeitsbedingungen in der Branche nachhaltig verbessern», sagt Tobias Meier, Global Product Manager für Baumwolle und Textilien bei Fairtrade.
Mehr Mitsprache für Beschäftigte
Der neue Standard stärkt auch die Beteiligung der Arbeiter:innen in den Fabriken. Sie sollen stärker in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Der Compliance-Ausschuss unterstützt unter anderem Beschwerdeverfahren, interne Audits und Risikobewertungen und begleitet die Verteilung des Living-Wage-Differentials.
Zertifizierte Fabriken müssen zudem ihr Bekenntnis zur Vereinigungsfreiheit dokumentieren. Auch die Anforderungen an Gesundheit und Sicherheit wurden weiterentwickelt, unter anderem zu Temperaturen und Belüftung in Produktionsstätten.
Erfahrungen aus zehn Jahren fliessen ein
Der 2016 eingeführte Textilstandard sollte ursprünglich die gesamte Lieferkette vom Baumwollsamen bis zum fertigen Produkt abdecken. Da die Anwendung hinter den Erwartungen zurückblieb, wurden Struktur und Anforderungen neu ausgerichtet.
Der überarbeitete Standard wurde 2025 öffentlich konsultiert. Auch Arbeiter:innen aus Fabriken brachten ihre Perspektiven in die Weiterentwicklung ein.
Mit dem Fairtrade Textile Factory Standard setzt Fairtrade damit stärker auf gemeinsame Verantwortung entlang der Lieferkette – für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Mitsprache und eine schrittweise Annäherung an existenzsichernde Löhne.